26.10.2020 Verwaltung, Verbände, Organisationen

Hand in Hand: Das Hamburger Trägerbudget und das Budget für Arbeit

Die Vermittlung ihrer Beschäftigten in Betriebe scheint in Hamburg im wirtschaftlichen Interesse der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) zu liegen. Deren Beschäftigtenzahlen sinken, Werkstattplätze verlagern sich auf den Allgemeinen Arbeitsmarkt, freiwerdende Flächen in den WfbM werden an Betriebe vermietet. Das berichtet die 53° NORD Agentur und Verlag und hat den Geschäftsführer der Elbe-Werkstätten GmbH, Rolf Tretow, zu möglichen Hintergründen befragt.

Seit 2005 gibt es das „Trägerbudget“ in Hamburg. Dabei schließt der Leistungsträger der Eingliederungshilfe mit den Trägern der WfbM eine Budgetvereinbarung ab. Darin ist auf der Grundlage einer gemeinsamen Auslastungsprognose für eine Laufzeit von in der Regel 4 Jahren eine feste Vergütungssumme festgelegt. Bleiben die Werkstätten unter der Beschäftigtenzahl, machen sie ein Plus, sind sie darüber, zahlen sie drauf. Diese Regelung ist bundesweit einzigartig und scheint in Kombination mit dem Budget für Arbeit ein Erfolgsmodell für die Teilhabe am Arbeitsleben zu sein.

Die Redaktion von 53° NORD Agentur und Verlag, einem Geschäftsbereich der „Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Mitte eG“, hat im Gespräch mit Rolf Tretow nicht nur das Trägerbudget thematisiert, sondern auch den Umgang mit dem Budget für Arbeit:

53°NORD: Bei den Vermittlungen bedienen Sie sich des Budgets für Arbeit. In Hamburg scheint das Instrument, anders als in anderen Bundesländern, ein Erfolg zu sein.

Rolf Tretow: Ja, die Budgetzahlen liegen in Hamburg deutlich höher als in anderen Bundesländern. Mit dem Budget für Arbeit können wir ein Fließgleichgewicht zwischen Zugängen und Abgängen herstellen. Im Prinzip ist es ein sehr passgenaues Instrument: Die Arbeitgeber erhalten Lohnkostenzuschüsse, die die Minderleistung ausgleichen und wir stellen die Begleitung und Unterstützung am Arbeitsplatz. Mittlerweile sind es aber nicht mehr nur die Leistungsträger, die vermittelt werden, sondern auch Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf, so dass die Begleitpauschale, die wir für die Unterstützung erhalten, oft nicht mehr reicht. Da müssen wir möglicherweise mit dem Leistungsträger nachverhandeln.

Sind die Arbeitgeber in Hamburg denn bereit, Werkstattbeschäftigte einzustellen?

Rolf Tretow: Unsere Integrationsbegleiter gelten bei den Unternehmen als verlässliche Partner und das zahlt sich aus. Wir vermitteln ja nicht nur in Festanstellungen, sondern in noch größerem Umfang in ausgelagerte BBB- und Werkstattarbeitsplätze. 25 Prozent unserer beruflichen Bildung findet in Betrieben statt. Im Arbeitsbereich sind es mit den betriebsintegrierten Arbeitsgruppen sogar 34 Prozent.

Ohne Wachstum und mit der zunehmenden Verlagerung von Werkstattplätzen in Betriebe müssen Sie dann doch Überkapazitäten in den Gebäudeflächen haben.

Rolf Tretow: Das ist so. Wir haben mittlerweile freie Flächen von 14.000 qm, die wir mit unserer eigenen Produktion nicht mehr auslasten. Insbesondere betrifft das unseren größten Standort, die ehemalige Hamburger Werkstatt am Meiendorfer Mühlenweg in Farmsen, die für 700 Werkstattplätze ausgelegt war und unseren Standort an der Cuxhavener Straße in Hausbruch.

Was machen Sie damit?

Rolf Tretow: Wir vermieten sie an Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten. Das bringt uns Aufträge, erleichtert die Auftragsabwicklung, unsere Beschäftigten können leichter in deren Produktion mitwirken und es gibt einen integrativen Effekt, weil die Mitarbeiter der Firmen mit uns die Sozialräume und Kantinen teilen. Wir nehmen aber auch Tagesförderstätten in unsere Räume auf, die in Hamburg ja von anderen Trägern geführt werden. Damit wird das System in beide Richtungen durchlässiger.

Stichwort Tafös: Werden mit der Beschränkung der Platzzahl nicht Leistungsschwächere in die Tagesförderstätten abgedrängt?

Rolf Tretow: Abdrängen trifft es nicht. Die Belegungsentwicklung wird dadurch realistischer. Früher wurden nicht werkstattfähige Beschäftigte häufiger in der Werkstatt gehalten. Heute ist der finanzielle Anreiz entfallen.

Im letzten Kennzahlenvergleich der überörtlichen Sozialhilfeträger steht, dass die Kostensätze der Werkstätten in Hamburg zwischen 2010 und 2018 rückläufig waren. Sie seien um rund 450 Euro gesunken, während die Vergütungen in allen anderen Bundesländern gestiegen sind. Ist das auch eine Auswirkung des Trägerbudgets?

Rolf Tretow: Steht das dort? Ich weiß nicht, wie die das berechnen, aber wir haben, bis auf einen Vertragszeitraum, immer Steigerungen vereinbart. Richtig ist, dass diese Steigerungen unterhalb der Inflationsrate und der Tariferhöhungen lagen, das Wachstum war also unterproportional. Das hatte zu tun mit Reduzierungen im Overhead und vor allem mit den Einsparungen an Gebäudekosten wegen der gestiegenen Zahl ausgelagerter Plätze. Hamburg lag früher im bundesweiten Vergleich bei den Kostensätzen in der Spitzengruppe, jetzt im Mittelfeld.

Wie entwickelt sich in Hamburg die Konkurrenz mit anderen Leistungsanbietern?

Rolf Tretow: Das sehen wir entspannt. Die Hamburger Arbeitsassistenz ist ja schon seit fast 30 Jahren am Markt. Mit ihr haben wir sowohl auf der Leitungs- wie auf der Arbeitsebene eine gute Kooperation entwickelt. Die neuen Leistungsanbieter, den Bergedorfer Impuls und das Rauhes Haus, sehen wir nicht als Konkurrenz, weil sie einen speziellen Bedarf abdecken. Wir planen, unsere LAG für sie zu öffnen.

Abschließend: Wie bewerten Sie als Geschäftsführer der größten WfbM in Deutschland das Trägerbudget?

Rolf Tretow: Ich finde, es hat sich bewährt. Meine Einschätzung deckt sich, glaube ich, auch mit der der anderen Träger aus dem Wohn-, Arbeits- und Tafö-Bereich. Das Trägerbudget gibt uns Planungssicherheit und führt zu einem Bürokratieabbau. Bei Unterschreitung des Kontingents gibt es uns die Möglichkeit zu einer indirekten Preissteigerung. Außerdem können wir in den Verträgen die Finanzierung von Teilhabezielen außerhalb des Kostensatzes unterbringen. Wir führen mit dem Leistungsträger regelmäßige Jour-Fix-Termine durch und damit ist er eng in unsere fachliche Arbeit eingebunden. Zwischen den Behördenvertretern und uns als Leistungserbringer gibt es eine vertrauensvolle inhaltliche Zusammenarbeit.

Das vollständige Interview ist abrufbar im Newsletter von 53°Nord (Oktober 2020)

(Quelle: 53° NORD Agentur und Verlag)


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