13.05.2015 D: Konzepte und Politik Grote: Beitrag D15-2015

Inklusion in der Schule – und dann? !nkA – ein Beispiel für einen gleichberechtigten Zugang zur dualen Berufsausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung

In dem Beitrag stellt die Autorin das Inklusionsprojekt „!nkA“ (Inklusionsprojekt zur gemeinsamen Ausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung) des UnternehmensForums e. V. vor.

Nach einer kurzen Vorstellung des UnternehmensForums, beschreibt die Verfasserin ausgehend von der These, dass sich das Ziel der Inklusion gerade in Zeiten des Fachkräftemangels lohnt, die Idee und die Ziele sowie die Aktivitäten im Projekt. Wesentliches Ziel sei die Bereitstellung zusätzlicher Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Behinderungen durch die Etablierung eines stabilen Netzwerks. Durch die Beschäftigung behinderter Auszubildender sollen wiederum Öffentlichkeit und Arbeitgeber für den Umgang mit Behinderung sensibilisiert werden.

Der Beitrag ist bereits in der Schriftenreihe des Netzwerks Bildung der Friedrich Ebert Stiftung „Inklusion in der beruflichen Ausbildung“ erschienen.

(Zitiervorschlag: Grote: Inklusion in der Schule – und dann? !nkA – ein Beispiel für einen gleichberechtigten Zugang zur dualen Berufsausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung; Forum D, Beitrag D15-2015 unter www.reha-recht.de; 13.05.2015)


Inklusion ist die Herstellung der Normalität![1] Das sollte in besonderer Weise für junge Menschen mit Behinderung in der Phase des Übergangs von der Schule in den Beruf gelten. Bei Arbeitgebern wird allerdings ihr Leistungspotenzial häufig unterschätzt. Nicht bedacht wird oft, dass sie ebenso wie Jugendliche ohne Behinderung eine betriebliche Ausbildung absolvieren können, wenn sie die passenden Rahmenbedingungen am Ausbildungsplatz vorfinden. Um ein deutliches Signal zu setzen, wie viele Möglichkeiten die gemeinsame Ausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung bietet, und andere Arbeitgeber zur Nachahmung anzuregen, hat das UnternehmensForum e. V. das Inklusionsprojekt !nkA initiiert.

Wer ist das UnternehmensForum e. V.?

Bei dem UnternehmensForum e. V. handelt es sich um einen branchenübergreifenden Zusammenschluss von Konzernen und mittelständischen Firmen, der sich für mehr Inklusion von Menschen mit Behinderung in das Arbeitsleben engagiert. In der Summe haben die Mitglieder des UnternehmensForums e. V. ca. 655.000 Beschäftigte, davon haben knapp 29.000 Beschäftigte eine Behinderung. Ziel des UnternehmensForums ist es, aus Arbeitgebersicht Erfahrungen auszutauschen, Position zu beziehen und qualifizierte Beratung an andere Unternehmen weiterzugeben. Der unabhängige Arbeitgeberzusammenschluss stellt außerdem konkrete Forderungen an Politik, Sozialversicherungsträger und Leistungserbringer. Damit Unternehmen, die Menschen mit Behinderung einstellen, ausbilden oder weiterbeschäftigen, nicht durch mangelnde Transparenz und einen hohen administrativen Aufwand eingeschränkt werden, fordert das UnternehmensForum zum Beispiel eine qualifizierte Beratung für Unternehmen. Es steht zudem für Sensibilisierung und Bewusstseinswandel statt Vorgaben und Regulierungen.          

Um den Inklusionsgedanken der UN-Behindertenrechtskonvention aufzugreifen, entwickeln Mitglieder des UnternehmensForums wie die Deutsche Bahn, Boehringer Ingelheim, Fraport, RWE und BASF eigene Aktionspläne, in denen Ziele und Vorgaben festgehalten werden, die das betriebliche Umfeld im Sinne der Inklusionsidee verbessern sollen.

Projektidee

Dass sich das Ziel der Inklusion lohnt und gerade in Zeiten des Fachkräftemangels eine win-win-Situation für alle Beteiligten darstellt, ist Botschaft des UnternehmensForums, und Grund genug für die Mitglieder mit der Initiierung eines Inklusionsprojekts und damit mit gutem Beispiel voranzugehen. So fassten die Mitglieder des UnternehmensForums den Entschluss, Menschen mit Behinderung den Zugang in eine duale Ausbildung zu ermöglichen. Daher hat das Forum in Zusammenarbeit mit Schulen, Unternehmen, Behörden und anderen Partnern das Inklusions-Projekt „Inklusive Ausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung“ (!nkA) gestartet, das vom Paul-Ehrlich-Institut koordiniert wird. In den Jahren 2013, 2014 und 2015 werden bundesweit insgesamt 40 zusätzliche schwerbehinderte Auszubildende in verschiedenen Berufen eingestellt, die gemeinsam mit nicht behinderten Auszubildenden ihre Ausbildung absolvieren. Dabei werden vorhandene Ausbildungsstrukturen an die Bedürfnisse der schwerbehinderten Jugendlichen angepasst.

Ausgangslage

Mit der betrieblichen Ausbildung sollen Brücken in eine anschließende Beschäftigung der jungen Menschen mit Behinderung gebaut werden. Allerdings haben viele Unternehmen im Vorfeld des Projekts erlebt, dass es schwierig war, Jugendlichen mit Behinderung tatsächlich einen Ausbildungsplatz anzubieten, da nur wenige Jugendliche bereit waren, ihre Behinderung in der Bewerbung anzugeben. Ebenso haben die Ausbildungsbetriebe von ihrer Erfahrung berichtet, dass mit der Ausbildung behinderter Jugendlicher ein hoher administrativer Aufwand, z. B. bedingt durch verschiedene Ansprechpartner_innen bei Rehabilitationsträgern oder sogar durch fehlende Partner_innen bei verschiedenen Problemlösungen in der Ausbildung, verbunden ist.

Projektbeschreibung „!nkA“- Inklusionsprojekt zur gemeinsamen Ausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung

Um auf diese Probleme aufmerksam zu machen und überdies das Bewusstsein für Inklusion zu stärken, indem Öffentlichkeit und andere Arbeitgeber für die Beschäftigung Auszubildender mit Behinderung sensibilisiert werden, gibt das UnternehmensForum mit dem Projekt !nkA Jugendlichen mit Behinderung die Chance, ihr Können und ihre Belastbarkeit unter Beweis zu stellen.          

Das Projekt zielt darauf ab, in einem stabilen Netzwerk aus Ausbildungseinrichtungen, Unternehmen, Arbeitgebern des öffentlichen Dienstes, und weiteren Partnern aus Bundes- und Länderministerien, der Arbeitsagentur, Integrationsämtern, Handwerks- und Industrie- und Handelskammern und weiteren Akteuren aus der Berufsbildung 40 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Behinderungen anzubieten. Das Inklusionsprojekt zur gemeinsamen Ausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung basiert auf dem von der Bundesregierung im Juni 2011 erlassenen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechts­konvention. Es wird dabei der inklusive Ansatz in Bezug auf die gemeinsame Berufsausbildung von Menschen mit und ohne Behinderungen verfolgt. Mit barrierefreien, individuell angepassten Ausbildungsstrukturen wird das Ziel der Inklusion in der Laufzeit des Projekts von 2013 bis 2019 verfolgt. Neben den fachlichen Schlüsselkompetenzen ist die Vermittlung und Stärkung der Sozialkompetenz ein wesentlicher Bestandteil des Ausbildungskonzeptes. Die Inklusion von Jugendlichen mit Behinderungen soll diesen Bereich erweitern. Gleichzeitig wird durch die Teilnahme der Auszubildenden am Betriebsschulunterricht und den Kontakt zu Auszubildenden in anderen Betrieben der Ansatz auch in andere gesellschaftliche Bereiche getragen.          

Durch eine individuelle Begleitung der Auszubildenden während der gesamten Ausbildungszeit sowie durch gezielte, sozialpädagogische Hilfestellungen bei der Aufarbeitung persönlicher Defizite erhalten Betriebe ein gutes Beispiel, dass es nicht unmöglich ist, junge Menschen mit einem besonderen Förderbedarf auszubilden. Durch die berufstheoretische Ausbildung in den öffentlichen Berufsschulen und einem möglichen Austausch während der praktischen Ausbildung (z. B. in einem anerkannten Ausbildungsbetrieb der Wirtschaft) wird den Auszubildenden die Chance gegeben, sich arbeitsmarktwirksam zu bilden. Darüber hinaus wird durch den Austausch untereinander, insbesondere in den Berufsschulen, stärker auf die Belange der Auszubildenden mit besonderem Förderbedarf hingewiesen und hingewirkt.  Die Koordination durch das Paul-Ehrlich-Institut (seit 2009 Mitglied des UnternehmensForums) als zentraler und ständiger Ansprechpartner für alle Projektpartner soll die bisherigen Erfahrungen des hohen administrativen Aufwands und der vielen Ansprechpartner bei Reha-Trägern relativieren und die administrativen Barrieren vermindern. Das Paul Ehrlich-Institut kann bereits seit vielen Jahren positive Erfahrungen mit der Beschäftigung von Mitarbeiter_innen und Auszubildenden mit Behinderung insbesondere in der Wissenschaft i. S. eines inklusiven Ansatzes nachweisen.          

Die Einbindung vieler Unternehmen in das Inklusionsprojekt zur gemeinsamen Ausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung ist wichtig. Viele Betriebe können sich offensichtlich gar nicht vorstellen, behinderte Auszubildende – schon gar mit Hilfebedarf – einzustellen. Die Instrumente der Arbeitsassistenz oder die Bereitstellung technischer Hilfen, mit denen Defizite kompensiert werden können, erscheinen auch heute noch vielfach unbekannt. Daher ist es sinnvoll, die Ausbildung durch Wissenstransfer, z. B. durch Austausch von Auszubildenden mit und ohne Behinderungen in einem Netzwerk auszubauen. Neben der personenbezogenen Weiterbildung werden diese Menschen als „Botschafter für ihre Kompetenz“ für andere behinderte Menschen und für nichtbehinderte Menschen tätig. Hierdurch sollen Arbeitgeber und Führungskräfte in gehobenen Positionen für die Thematik interessiert und gewonnen werden.   

Dabei werden Schulen für körper- und sinnesbehinderte Schüler_innen in das Netzwerk einbezogen, um gemeinsam die o. g. Thematik zu bearbeiten und diese voran zu treiben. Bei allen in dem Projekt verbundenen Arbeitgebern gibt es hierzu Expertise, die genutzt werden kann und soll.

Aktivitäten im Projekt !nkA

Nach dem Projektstart im August 2014 fanden bereits drei erfolgreiche Projekttreffen aller operativen und fördernden Partner statt, anlässlich derer über die ersten Projektergebnisse aber auch Schwierigkeiten bei der Inklusion von behinderten Auszubildende, z. B. bei der Einbeziehung von Berufsschulen und Kammern gesprochen wurden. Weitere Themen waren die Informationen zu Zuschüssen der Arbeitsagenturen und Integrationsämter, zu verschiedenen Behinderungsarten wie Störungen im Autismus-Spektrum oder Sehbehinderungen. Im Oktober 2014 fand das erste gemeinsame Seminar für alle Auszubildenden des !nkA-Projekts statt, bei dem erfreulicherweise festgestellt wurde, wie sehr sich die Auszubildenden der verschieden Betriebe bereits heute mit den Zielen von !nkA identifizieren. Für sie bietet das Projekt nicht nur die Möglichkeit des Austauschs sondern auch der gegenseitigen Stärkung und des Einbringens eigener Lösungsvorschläge, die sich aufgrund ihrer verschiedenen Biographien und Behinderungsarten entwickelt haben.

Ziele des Projekts !nkA

Das Projekt !nkA soll dazu beitragen, bestehende Barrieren für die unterschiedlichen Akteure zu identifizieren und abzubauen. Jugendliche mit Behinderung werden bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt. Für die Ausbildungsbetriebe soll !nkA zu einer Verbesserung des Rekrutierungs- und Ausbildungsprozesses gerade im Hinblick auf behinderte Bewerber führen. Arbeitsagenturen und anderen Rehabilitationsträgern wird der Mehrwert von einer Verminderung der Bürokratie und einer Verbesserung der Vermittlung offenbar. Letztlich soll aber auch die Frage untersucht werden, ob und inwieweit die inklusive Ausbildung einen Mehrwert bietet. Nicht zuletzt ist allen Beteiligten das Ziel der Professionalisierung der Akteure der Berufsausbildung (Arbeitgeber, Berufsschulen, Ausbildungsverbünde, Kammern) ein wichtiges Anliegen. Schließlich wird die Praxiserfahrung des Projekts für andere Akteure in Politik und Gesellschaft durch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit und den Transfer der Ergebnisse im Sinne der Darstellung von Best Practice Beispielen nutzbar gemacht.          

Im Rahmen der Projektevaluation durch die Universität zu Köln wird ermittelt, ob das Projekt !nkA die selbst gesetzten Ziele, insbesondere auch die Erprobung nachhaltiger Konzepte und Strukturen, im Laufe der Projektlaufzeit von 2014 bis 2019 erreichen wird. Geplant sind im Einzelnen die Evaluation der arbeitsmarkt- und bildungspolitischen Signale des Projekts, die Überprüfung der tatsächlichen individuellen Weiterqualifikation der schwerbehinderten Jugendlichen und die Effektivität der Netzwerkarbeit von unterschiedlichen Akteuren der Berufsausbildung.

Nähere und jeweils aktualisierte Informationen zu Projektpartnern und Projektaktivitäten bietet die Websitehttp://www.unternehmensforum.org/themen/projekte/inka.html

Beitrag von Annetraud Grote, Ass. jur., Personalreferat des Paul-Ehrlich-Instituts, Koordination des Projekts !nkA

Fußnoten:

[1] Der Beitrag ist bereits in der Schriftenreihe des Netzwerk Bildung der Friedrich Ebert Stiftung „Inklusion in der beruflichen Ausbildung“ erschienen, ISBN: 978-3-95861-093-4, Copyright by Friedrich Ebert Stiftung.


Stichwörter:

Ausbildung, Behinderungsgerechte Beschäftigung, Bewusstseinsbildung, Chancengleiche Teilhabe, Inklusion, Inklusive Ausbildung, Inklusive Beschäftigung, Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, UN-BRK, Bundesagentur für Arbeit (BA)


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