02.06.2026 Sonstige Veröffentlichungen

Fachtagung: Inklusion besonders vulnerabler Beschäftigungsgruppen – Veranstaltungsbericht

In Halle an der Saale fand am 21. Mai 2026 die interdisziplinäre Fachtagung: „Inklusion besonders vulnerabler Beschäftigungsgruppen“ statt. Die Veranstaltung der DVfR in Kooperation mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und dem Zentrum für Sozialforschung Halle (ZSH) richtete den Fokus auf die Teilhabe am Arbeitsleben insbesondere junger Menschen und Frauen mit Schwerbehinderung sowie schwerbehinderter Menschen mit Einwanderungsgeschichte oder besonderen Beeinträchtigungen. Neben der Sensibilisierung für die Bedarfe der besonders vulnerablen Gruppen ermöglichte die Tagung auch einen Austausch über Strategien ihrer Beschäftigungsförderung und -sicherung.

Über 80 Vertreterinnen und Vertreter aus Fachverbänden, Politik und Beratungsstellen, der Träger und Erbringer von Reha-Leistungen und weiterer Einrichtungen sowie Menschen mit Behinderungen waren der Einladung zu der Veranstaltung im Mitteldeutschen Multimediazentrum Halle gefolgt. Die wissenschaftliche Leitung lag bei Prof. Dr. iur. Katja Nebe, MLU, und Prof. Dr. iur. Dörte Busch, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin/ZSH. Die Tagung war Teil des Projekts „Mit Vielfalt zum inklusiven Arbeitsmarkt – Aufgaben für das Reha- und Teilhaberecht“ (VinkA), das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales aus Mitteln des Ausgleichsfonds gefördert wird.

Susanne Winge, Geschäftsführerin des ZSH, begrüßte die Teilnehmenden herzlich und leitete zum ersten Einführungsvortag zum Thema „Vulnerable Beschäftigungsgruppen – wie diversitätssensibel ist der Rechtsrahmen?“ von Prof. Dr. Katja Nebe über. Das SGB IX nimmt in § 1 explizit Bezug zu den besonderen Bedürfnissen von Frauen und Kindern mit Behinderungen sowie Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen oder von einer solchen Behinderung bedrohten Menschen. Nebe ging in ihrem Überblick u. a. auch auf § 193 SGB IX ein, der individuelle Maßnahmen zur Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben vorsieht. Ihr folgte ein Vortrag von Prof. Dr. Dörte Busch zur Digitalisierung als betriebliche Gestaltungsaufgabe für Inklusion und die Schwerbehindertenvertretung als Impulsgeberin.

Um „Strukturen, Haltung, Unterstützung: Gelingensbedingungen für die berufliche Teilhabe psychisch beeinträchtigter Menschen“ ging es nach einer kurzen Pause im Referat von JProf. Dr. Lena Hünefeld, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin/Technische Universität Dortmund. Tobias Belz von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung thematisierte anschließend die Vielfalt in der Arbeitswelt aus Sicht der Unfallversicherung. Die Anwesenden nutzen die Einladung zum Austausch im Anschluss an die Einführungsvorträge für rege Diskussionen.

Parallele Foren

Am Nachmittag luden drei parallele Foren zur Vertiefung des fachlichen Austausches ein:

Forum 1 befasste sich mit Praktika und der Ausbildung für junge Menschen mit Schwerbehinderung. Praktika sind für junge Menschen oft der erste Kontakt mit der Arbeitswelt und Voraussetzung für eine erfolgreiche Ausbildung sowie spätere Beschäftigung. Mittels empirischer Ergebnisse aus einer Betriebsbefragung des ZSH wurde deutlich, dass Praktika Vorbehalte bei Arbeitgebenden abbauen und die Einstellungschancen deutlich erhöhen können. Im Fokus standen entsprechende Regelungen in Inklusionsvereinbarungen sowie die Frage, welche Vorgaben sich in der Praxis bewähren. Die Referenten stellten zudem Beispiele vor, um Regelungen zu Ausbildungsquoten, Übernahmeregelungen und Praktikumsangeboten nicht nur als Ziele, sondern als konkrete Umsetzungsmaßnahmen in Inklusionsvereinbaruingen zu verankern.

In Forum 2 ging es um die Bedarfe von Menschen mit Beeinträchtigungen und Einwanderungsgeschichte in der Beratung zur Teilhabe am Arbeitsleben. Forscherinnen der Humboldt-Universität zu Berlin gaben einen Einblick in erste (empirische) Studienergebnisse zur Teilhabe am Arbeitsleben an der Schnittstelle Migration, Flucht und Behinderung. Ergänzend flossen aus dem Berliner Projekt „Neue Arbeit, Mehr Inklusion“ (NAMI) Praxiserfahrungen der Beratung in das Forum ein. Zentrale Fragestellungen wurden anschließend gemeinsam mit den Teilnehmenden diskutiert und dabei die zentrale Rolle von barrierefreien Sprach- und Integrationskursangeboten in ausreichendem Umfang für die (berufliche) Teilhabe von eingewanderten oder geflüchtete Menschen mit Beeinträchtigungen deutlich.

Forum 3 griff die Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen aus drei unterschiedlichen Perspektiven auf. Ergebnisse aus dem Bundesprogramm rehapro zeigen auf, dass eine kontinuierliche Begleitung, Personzentrierung sowie die Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen eine erfolgreiche berufliche Eingliederung maßgeblich beeinflussen können. Erkenntnisse aus der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Versorgungspraxis veranschaulichten Chancen und Risiken (verpasster) Prävention für in ihrer psychischen Gesundheit gefährdete Kinder- und Jugendliche. Am Beispiel des Konzeptes der medizinisch-beruflichen Rehabilitation psychisch beeinträchtigter Menschen wurde aufgezeigt, dass es individueller, bedarfsgerechter Maßnahmen bedarf, um Personen mit besonderen Bedarfen den Weg zurück ins Erwerbsleben zu ermöglichen.

Appell für individuelle und passgenaue Lösungen

Die Ergebnisse der Foren wurden nach einer kurzen Pause im Plenum zusammengeführt und in einer Podiumsdiskussion weiter ausgelotet. Unter dem Titel „Perspektiven für die Inklusion besonders vulnerabler Gruppen in der Arbeitswelt“ diskutierten die Referentinnen Prof. Dr. Dörte Busch und JProf. Dr. Lena Hünefeld sowie Prof. Dr. Gudrun Wansing von der Humboldt-Universität zu Berlin und Prof. Dr. Felix Welti von der Universität Kassel sowohl mögliche wissenschaftliche Fragestellungen für die weitere Teilhabeforschung als auch Handlungsbedarfe für Politik, Gesellschaft und die Akteurinnen und Akteure in der Praxis der Rehabilitation. Persönliche Erfahrungsberichte veranschaulichten, wie notwendig in der Rehabilitation eine individuelle und personzentrierte Betrachtungsweise ist, um passgenaue Lösungen zu finden. „Wir müssen offen denken, wenn wir über Vielfalt reden“, so der Appell aus dem Podium. In ihrem Fazit forderten die Diskussionsteilnehmenden darüber hinaus

  1. eine Würdigung des Einzelfalls durch offene Leistungskataloge, angemessene Vorkehrungen und passgenaue Lösungen;
  2. Hilfen und Beratung zur Orientierung im komplexen Reha-System unter Berücksichtigung vulnerabler Gruppen sowie offene Strukturen für alle;
  3. inklusiv gedachte Innovationen im Sinne eines universellen Designs, u. a. bei der Entwicklung digitaler Technologien und Prozesse, auch um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Abschließend dankte Prof. Dr. Katja Nebe für die offene, engagierte Diskussion und verabschiedete die Anwesenden in einen sommerlichen Feierabend.


Die bei der Veranstaltung gezeigten und freigegebenen Präsentationen werden in barrierefreier Fassung aufbereitet und sukzessive auf der Veranstaltungsseite zur Verfügung gestellt.

Zur Veranstaltungsseite


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